EU trifft mit Zoll auf Kleinpakete vor allem die eigenen Verbraucher

Die jüngste Bilanz hat es in sich und man kann sie getrost als Erfolgsmeldung aus Brüsseler Sicht lesen: Denn Shein, Temu und AliExpress haben im dritten Quartal 2026 in Deutschland nur noch 566 Millionen Euro umgesetzt, das sind 35,5 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. In einem einzigen Quartal schrumpfte der gemeinsame Marktanteil der drei Plattformen so von 5,3 auf 3,1 Prozent, und das in einem Markt, der insgesamt nominal sogar um 2,9 Prozent gewachsen ist. Der Einbruch ist also längst kein Zeichen einer schwachen Konjunktur, sondern vor allem das Ergebnis gezielter Regulierung.

Ausgelöst hat das Ganze die Abschaffung der Zollfreigrenze von 150 Euro, die am 1. Juli 2026 gefallen ist. Seitdem ist jede Sendung aus einem Nicht-EU-Staat zollpflichtig, bei Kleinsendungen fallen pauschal drei Euro pro Warengruppe an und ab November 2026 kommt zudem noch eine zusätzliche Bearbeitungsgebühr von zwei Euro obendrauf. Wer vorher für wenig Geld ein paar Kleinigkeiten aus China bestellt hat, zahlt heute auf einen 15-Euro-Warenkorb schnell mal neun bis elf Euro an zusätzlichen Gebühren, was das Geschäftsmodell der Billigplattformen natürlich kräftig einbremst.

Das Problem dabei: Wer sich das ausgedacht hat, trifft damit nicht in erster Linie chinesische Konzernmanager, sondern die eigenen Bürger. Die Plattformen sind über die Jahre gerade deshalb so groß geworden, weil sie in einer Zeit steigender Preise und realem Wohlstandsverlust unter den meisten Menschen in Europa eine Art Notausgang geboten haben. Weil alles andere kontinuierlich teurer wurde, waren sie die letzte Option, um mit kleinem Budget überhaupt noch etwas zu kaufen. Es war dann nur eine Frage der Zeit, bis Brüssel diese Option einfach wegreguliert, ohne gleichzeitig irgendetwas dafür zu tun, dass Preise im stationären und im europäischen Onlinehandel erschwinglich bleiben.

Man könnte hier selbstverständlich entgegnen, dass die Zölle aus Sicherheitsgründen fällig werden und das ist in gewissen Ansätzen vielleicht auch richtig. Tausende verzollte Produkte mit falscher Kennzeichnung oder schlechter Qualität gab es offenbar schon lange und der deutsche Handelsverband BEVH weist zu Recht darauf hin, dass fälschungssichere Kontrollen erst durch Marktüberwachung und die Durchsetzung bestehenden Rechts gelingen und nicht durch Pauschalgebühren, die jeden Käufer gleichermaßen treffen. Doch genau das macht die EU eben nicht. Statt an Konzessionen, Dokumentation und Strukturen zu arbeiten, geht sie lieber mit pauschalen Gebühren an den Endkunden ran und nimmt billigend in Kauf, dass es zwangsläufig die falschen Treffer gibt.

Die Plattformen selbst werden davon übrigens kaum untergehen. Temu hatte schon früh begonnen, europäische Kunden aus lokalen Lagern zu beliefern und damit das Konstrukt teilweise zu umgehen. Shein gilt als größter Verlierer, weil der Modeversender am stärksten auf Direktversand aus China setzte und ohnehin schon ein schwaches Halbjahresergebnis sowie einen schwachen Börsenstart im September hinter sich hat. Es ist also gut möglich, dass der Druck ausgerechnet den weniger flexiblen Anbieter trifft, während andere wie der aufstrebende TikTok Shop, der nach BEVH-Angaben bereits jeden fünften Onlinekäufer erreicht hat, die Lücke füllen werden. Das Problem der Umsatzverluste löst sich damit nicht strukturell, es wandert nur.

Dass die aktuelle Regelung noch nicht einmal das Ende der Fahnenstange ist, macht die Sache nicht besser. Die eigentliche Zollreform kommt 2028 und bis dahin können weitere Gebühren und Regeln für die Unternehmen dazukommen, an denen die Verbraucher jeweils hängenbleiben. Der Eindruck, und der ist nach der Lektüre der aktuellen Zahlen schwer zu widerlegen, ist der dass die EU lieber ihre eigene Bevölkerung mit Zusatzkosten belegt, als mit dem politischen Kompromissstress einhergehende Lösungen anzugehen, die man hätte leichter durchsetzen können.

Für Käufer bedeutet das letztlich nichts anderes, als dass sie ihre Rechnung künftig genauer machen müssen. Ob ein Produkt bei einer chinesischen Plattform nach Zusatzkosten noch attraktiv ist, muss man von Fall zu Fall prüfen. Beim nächsten Mal, wenn Brüssel sich an den vereinzelten Milliardenumsätzen der Plattformen abarbeitet, sollte man daher eher fragen: Hilft das Unternehmen, hilft es den Käufern, oder hilft es vor allem den europäischen Regierungen, die ihre eigene Preisfalle nicht beheben wollen?

Stefan Kröll

Über den Autor

Gründer von Xgadget.de und IT-Experte mit über 15 Jahren Erfahrung in den Bereichen macOS, Windows und Smart Home. Als leidenschaftlicher Tech-Enthusiast zudem auch spezialisiert auf Raspberry Pi Projekte und individuelle IT-Lösungen, um komplexe Technik für Anwender verständlich und nutzbar zu machen.

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