IRIS²: Europas überteuerte Antwort auf Starlink
Die EU-Kommission und das Betreiberkonsortium SpaceRISE haben die Umsetzungsvereinbarung für IRIS² unterschrieben und die Konstellation gleich auf 348 Satelliten aufgestockt. Offiziell ein Meilenstein für die "digitale Souveränität" Europas. Bei genauerem Hinsehen liest sich die Ankündigung aber eher wie ein Lehrbuchbeispiel dafür, wie man aus einem guten Grundgedanken ein teures Prestigeprojekt macht.
Was tatsächlich beschlossen wurde
Die Hauptkonstellation wächst um 66 zusätzliche Satelliten auf 348 Einheiten – 330 in der niedrigen Erdumlaufbahn, 18 in der mittleren. Die neue Schicht soll Militär, Geheimdiensten und Rettungsdiensten eine abhörsichere Kommunikation garantieren, zusätzlich zur zivilen Nutzung durch EU-Staaten und ausgewählte Partnerländer wie Norwegen und Island. Betrieben wird das Ganze von SES, Eutelsat und Hispasat unter dem Dach von SpaceRISE, gebaut mit Airbus Defence and Space, Thales Alenia Space, OHB und Aerospacelab im Boot. Erste Dienste für staatliche Nutzer sollen allerdings erst im Jahr 2029 starten – siebeneinhalb Jahre nach dem ursprünglichen Beschluss von 2022.
Der Preis ist explodiert – und das schon vor dem ersten Start
Genau hier wird es unangenehm, denn als die EU-Kommission das Projekt 2022 vorstellte, war hingegen von rund 6 Milliarden Euro Gesamtkosten die Rede. Im Dezember 2024, beim Abschluss des Konzessionsvertrags, waren es dann schon stolze 10,6 Milliarden Euro. Jetzt, mit der aktuellen Vereinbarung, liegt das Budget bei 15,6 Milliarden Euro – ein Plus von wahnsinnigen 47 Prozent gegenüber der Zahl von 2024 und mehr als das Doppelte der ursprünglichen Schätzung. Und das, obwohl bislang noch kein einziger operativer Satellit im Orbit ist und die ersten Starts erst für Ende der 2020er-Jahre geplant sind. Erfahrungsgemäß ist mit dieser Zahl das letzte Wort noch nicht gesprochen und es dürfte vermutlich zukünftig noch einmal teurer werden.
Zum Vergleich wie IRIS² zu Starlink abschneidet:
| IRIS² (Stand August 2026) | Starlink (Stand Mitte 2026) | |
|---|---|---|
| Aktive Satelliten im Orbit | 0 (Start ab ca. 2027, Dienste ab 2029) | über 10.800, teils schon 10.876 |
| Geplante Satelliten gesamt | 348 (plus optionale Zusatzelemente) | über 12.500 gestartet, bis 15.000 genehmigt, langfristig bis zu 42.000 angedacht |
| Geschätzte Gesamtkosten | 15,6 Mrd. Euro | ca. 10 Mrd. USD (Musk-Schätzung 2018) bis 20–30 Mrd. USD für den Vollausbau |
| Kosten pro Satellit (grobe Rechnung) | ca. 44,8 Mio. Euro | grob 1–2 Mio. USD |
| Dienst kommerziell verfügbar seit | – (geplant 2029) | seit 2020 |
Selbst wenn man Musks höhere Schätzung von 20 bis 30 Milliarden US-Dollar für den kompletten Ausbau auf mehrere Zehntausend Satelliten zugrunde legt, kommt SpaceX auf einen Bruchteil der Kosten pro Satellit, die Europa für IRIS² veranschlagt – und hat den Dienst zudem schon seit sechs Jahren im Betrieb, während Europa 2029 gerade erst anfangen möchte.
Wo bleibt die eigentliche Innovation?
Der eigentliche Kritikpunkt ist gar nicht die Satellitenzahl, sondern die Logik dahinter. IRIS² wird nicht als Plattform konzipiert, mit der Europa eigene Trägerraketen-, Massenfertigungs- oder Startkapazitäten im großen Stil aufbaut, so wie SpaceX das mit wiederverwendbaren Raketen und industrialisierter Satellitenproduktion getan hat. Stattdessen fließen Milliarden aus dem EU-Haushalt 2028–2034 plus nationale Beiträge – Polen 656 Millionen Euro, Ungarn 500 Millionen Euro, Spanien bis zu 2 Milliarden Euro – direkt in ein Konsortium etablierter Konzerne, die genau die gleichen Fertigungs- und Startmethoden weiterführen, mit denen Europa im New-Space-Zeitalter bereits aktuell ins Hintertreffen geraten ist.
Das Ergebnis ist ein Programm, das sich politisch als Antwort auf Starlink verkaufen lässt, technisch aber vor allem eines tut: Bestehende Strukturen bei Airbus, Thales, OHB & Co. mit einem finanziell abgesicherten Zwölf-Jahres-Auftrag am Leben halten, ohne dass diese Firmen sich dem Innovationsdruck stellen müssen, der SpaceX zu radikal günstigerer Massenproduktion gezwungen hat. Wenn am Ende 15,6 Milliarden Euro Steuergeld eine Konstellation finanzieren, die zahlenmäßig kleiner bleibt als das, was SpaceX schon heute im Orbit hat, sollte man das nicht als Souveränitätsprojekt feiern, sondern als das benennen, was es ist: Nämlich eine sehr teure Industriesubvention mit Weltraum-Etikett die schlicht nicht wettbewerbsfähig sein wird.
Sicherheit als Rechtfertigung – aber zu welchem Preis?
Natürlich gibt es legitime Gründe, warum sich die EU nicht komplett auf ein privates US-Unternehmen verlassen will, dessen Eigner sich politisch nicht immer verlässlich verhält. Abhörsichere Kommunikation für Militär und Rettungsdienste ist kein unsinniges Ziel. Aber Sicherheit und Unabhängigkeit rechtfertigen keinen Blankoscheck. Die Kostenexplosion von 6 auf 15,6 Milliarden Euro noch vor dem ersten Start zeigt, dass hier offenbar niemand ernsthaft auf Effizienz gedrängt hat – vermutlich, weil das Projekt politisch ohnehin durchgewinkt wird, solange die richtigen Mitgliedstaaten und Unternehmen bedient werden.
Auch für die spätere zivile Nutzung durch Unternehmen und Privatpersonen zeichnet sich kein rosiges Bild ab. IRIS² ist primär für Regierungs- und Sicherheitsanwendungen konzipiert, kommerzielle Kapazitäten für Firmen- und Privatkunden sollen erst danach folgen – vermutlich außerdem zu Preisen, die sich an den ohnehin schon happigen Kosten heutiger Satelliteninternet-Angebote wie Eutelsat/OneWeb orientieren, deren Terminals mit bis zu 10.000 Euro ein Vielfaches der meist weniger als 600 Euro teuren Starlink-Hardware kosten. Bei der Kapazität schneidet IRIS² wissenschaftlichen Simulationen zufolge zudem rund 4,5-mal schlechter ab als Starlink, weil die Konstellation schlicht viel dünner besetzt ist. Wer sich also auf ein europäisches Pendant zu Starlink freut, das ähnlich schnell und günstig wird, dürfte somit enttäuscht werden. Ob IRIS² im Jahr 2029 tatsächlich zu den kalkulierten Kosten und im geplanten Umfang steht, darf man mit einiger Skepsis abwarten.