PPWR: Brüssel packt zu – kleine Händler packen ein

Es gibt Tage, da fragt man sich ernsthaft, ob in Brüssel noch jemand weiß, wofür die Europäische Union mal angetreten ist. Freier Warenverkehr, ein gemeinsamer Markt, das Ende nationaler Kleinstaaterei - das alles klingt fast nostalgisch. Seit Mittwoch, dem 12.08.2026, gilt nämlich die Verpackungsverordnung "PPWR" (Packaging and Packaging Waste Regulation)   unmittelbar in allen Mitgliedstaaten und steht damit über dem deutschen Verpackungsgesetz. Das Ergebnis: Kleine Onlinehändler schließen gerade reihenweise ihre Shops oder streichen das Ausland komplett aus dem Versandgebiet.

Gutes Ziel, katastrophale Umsetzung

Dass etwas gegen die wachsenden Müllberge passieren muss, bestreitet kaum jemand. Rund 40 Prozent des Plastikmülls in der EU soll angeblich Versandabfall sein. Auch dass künftig Direktimporteure aus China oder Vietnam an den Entsorgungskosten beteiligt werden sollen, finden sogar die Händlerverbände richtig. Der Wettbewerbsvorteil der Nicht-EU-Anbieter war somit real.

Aber wie so oft scheitert die Sache mal wieder an der Umsetzung. Die PPWR unterscheidet akribisch zwischen "Erzeuger "und "Hersteller" einer Verpackung - mit jeweils eigenem Pflichtenheft. Wer also z.B. ins Ausland versendet, gilt im Zielland grundsätzlich als Hersteller. Egal ob es nur fünf Pakete im Jahr oder gleich fünf Millionen sind - trotzdem muss sich ein Shop-Betreiber nun um Registrierung, Systembeteiligung, Entsorgungskosten kümmern – und neu dazu ein Pflicht-Bevollmächtigter, wohlgemerkt für jedes einzelnen EU-Land, in das man liefert.

27 Systeme statt ein Binnenmarkt

Hierbei liegt die eigentliche Perversion an der PPWR: Statt endlich ein gemeinsames europäisches System zu schaffen - was bei einer EU-Verordnung ja naheläge - verweist die neue Verpackungsverordnung brav auf die nationalen Systeme der Mitgliedstaaten. Wer also von Deutschland aus in zehn EU-Länder verkauft, braucht somit zehn Registrierungen, zehn Bevollmächtigte und zehn Mal Papierkram. Ein einziger Bevollmächtigter für die gesamte EU, wie ihn z.B. auch der Digital Services Act vorsieht ist hier allerdings nicht vorgesehen.

Für Amazon oder Temu ist das eine Excel-Tabelle und eine eigene Abteilung. Für den Kleinhändler um die Ecke ist es hingegen das Ende, da der ganze Spass mit erheblichen zusätzlichen Kosten und natürlich auch Verwaltungsaufwand verbunden ist. In den sozialen Medien melden sich derzeit deshalb dutzende kleiner Shopbetreiber, die lieber aufgeben, als sich durch 27 nationale Bürokratien zu wühlen.

Regeln ohne fertige Systeme

Besonders zynisch: Die Verordnung ist eigentlich seit April 2024 beschlossen, doch in vielen Mitgliedstaaten existieren die nötigen Systeme schlicht noch nicht und auch die eigentlich erforderlichen Umsetzungsrechtsakte fehlen. Händler sollen sich also an Regeln halten, deren konkrete Anwendung noch niemand kennt. Die Kommission verweist in einem Frage-und-Antwort-Katalog auf "flexible und pragmatische" nationale Behörden und beteuert, niemand wolle Warenströme behindern. Nett formuliert - nur leider ist das rechtlich völlig unverbindlich.

Immerhin scheint auch in Brüssel mittlerweile angekommen zu sein, dass man sich verhoben hat: Mit dem sogenannten "Umweltomnibus" soll die Bevollmächtigten-Pflicht bis ins Jahr 2035 ausgesetzt werden. Der Vorschlag liegt seit Dezember 2025 bei Parlament und Mitgliedstaaten, allerdings natürlich noch ohne Ergebnis - man kennt schließlich das Tempo des Europaparlaments ... .

Fazit

Die PPWR ist mal wieder ein Lehrstück dafür, wie man eine gute Idee gegen die Wand fährt. Eine Verordnung, die den Binnenmarkt harmonisieren soll, zersplittert ihn. Eine Regel, die vermutlich chinesische Billigversender treffen soll, erwischt zuerst die eigenen Kleinunternehmer und macht ihnen den Garaus. Und eine Union, die mal angetreten ist, Grenzen abzubauen, zieht sie aus Wellpappe wieder hoch. Wer das für Fortschritt hält, hat den Ursprungsgedanken Europas wohl endgültig verpackt und entsorgt.

Stefan Kröll

Über den Autor

Gründer von Xgadget.de und IT-Experte mit über 15 Jahren Erfahrung in den Bereichen macOS, Windows und Smart Home. Als leidenschaftlicher Tech-Enthusiast zudem auch spezialisiert auf Raspberry Pi Projekte und individuelle IT-Lösungen, um komplexe Technik für Anwender verständlich und nutzbar zu machen.

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