EU knöpft sich AliExpress vor – während Amazon ungeschoren davonkommt
Die EU-Kommission hat AliExpress mit 550 Millionen Euro nun die bislang höchste Strafe unter dem Digital Services Act (DSA) auferlegt. Grund sind angeblich mangelhafte Risikobewertungen und unzureichende Gegenmaßnahmen gegen gefälschte Kleidung, unsicheres Spielzeug und gefährliche Kosmetika, die wochenlang auf der Plattform standen.
Worum es in dem Verfahren geht
Die Kommission wirft AliExpress unter anderem vor, sich bei der Risikobewertung auf eine einzige, unvollständige Kennzahl verlassen zu haben, statt ein realistisches Gesamtbild der Moderationslage zu erstellen. Zusätzlich habe das Unternehmen die Wirksamkeit seiner automatisierten Erkennungssysteme überschätzt und nicht ausreichend geprüft, ob genug Personal für die Kontrolle der Plattform vorhanden war. Die Geldbuße teilt sich auf: 110 Millionen Euro wegen der mangelhaften Risikobewertung, 440 Millionen Euro wegen unzureichender Gegenmaßnahmen. AliExpress selbst bezeichnet die Strafe als unverhältnismäßig und will wenig überraschend auch rechtliche Optionen prüfen.
Das Unternehmen hat nun bis zum 20. Oktober 2026 Zeit, einen Aktionsplan vorzulegen, wie es die Mängel beheben will - andernfalls drohen wohl weitere Zwangsgelder. Es ist bereits die dritte DSA-Millionenstrafe nach X (120 Millionen Euro) und Temu (200 Millionen Euro).
Amazon verkauft teilweise dieselbe "unsichere" Ware – ohne Konsequenzen
Was in der Berichterstattung meist untergeht: Auch Amazon vertreibt teilweise "unsichere" Produkte und wurde im Gegensatz zu AliExpress allerdings bislang mit keiner vergleichbaren Strafe belegt. YouTube-Kanäle wie ZeroBrain zeigen regelmäßig, wie auf Amazon verkaufte Steckdosenleisten und Mehrfachstecker sicherheitstechnisch grob mangelhaft sind – zu dünne Leitungen, fehlende Abstände zwischen 230V- und USB-Bereich, Brandgefahr inklusive. Auch andere Medien wie Spiegel und WELT bestätigen, dass Fälschungen und mangelhafte Produkte über Drittanbieter auf Amazon ein systemisches Problem sind, bei dem Amazon Verantwortung häufig an die Händler abschiebt.
Die EU-Kommission hat gegen Amazon bereits 2023 ein Verfahren wegen ähnlicher Vorwürfe – "Verbreitung illegaler Produkte" – eröffnet und 2024 eine formelle Informationsanfrage gestellt. Bis heute ist daraus jedoch keine Geldbuße in der Größenordnung von AliExpress hervorgegangen. Das wirkt inkonsequent, wenn man bedenkt, dass beide Plattformen laut DSA denselben Sorgfaltspflichten unterliegen.
Schützt die EU eigentlich Verbraucher – oder Händler?
Ein kritischer Blick auf das Muster hinter den DSA-Strafen legt nahe, dass hier vermutlich (teilweise) auch handelspolitische Interessen mitspielen. AliExpress, Temu und Shein sind chinesische Plattformen, die europäische Anbieter mit extrem niedrigen Preisen unter Druck setzen - die EU hat parallel zur DSA-Strafe bereits verschärfte Kontrollen und höhere Abgaben speziell gegen diese Fast-Fashion-Plattformen angekündigt. Dass ausgerechnet die chinesischen Plattformen die höchsten Strafen erhalten, während der US-Konzern Amazon mit strukturell ähnlichen Problemen bislang nur Anfragen kassiert, nährt den Verdacht, dass es hier nicht nur um Verbraucherschutz geht, sondern auch darum, europäische Händler vor der chinesischen Billigkonkurrenz zu schützen.
Wirtschaftlich dürfte die Strafe für AliExpress ohnehin kaum abschreckend wirken. Bei einem Konzern der Alibaba-Größenordnung lässt sich eine solche Summe unkompliziert über zukünftig leicht erhöhte Verkaufspreise für EU-Kunden refinanzieren – die Kosten trägt am Ende schlicht der europäische Käufer, während sich am eigentlichen Sicherheitsproblem strukturell wenig ändert, solange die Kontrollmechanismen weiterhin auf Automatisierung und zu wenig Personal setzen.
Was das für Verbraucher praktisch bedeutet
Unabhängig davon, ob man auf AliExpress oder Amazon bestellt, bleibt der Rat der Verbraucherzentralen und von Testkanälen wie ZeroBrain der gleiche: Besonders bei Elektroprodukten wie Steckdosenleisten, Ladegeräten oder Powerbanks sollte man auf Verarbeitungsqualität, Kabeldicke und Isolationsabstände achten, verdächtig billige Angebote zudem kritisch prüfen und Verkäuferbewertungen sowie Produktbeschreibungen genau lesen. Wer auf Nummer sicher gehen will, sollte sich nicht allein auf ein CE-Zeichen verlassen, da dieses selbst vergeben wird und keine unabhängige Prüfung garantiert.