Honey-Skandal: Wie eine Browser-Extension die Affiliate-Ökonomie zerstört hat

Wir haben hier im Blog schon mehrfach über die Browser-Extension Honey und den Skandal um angeblich gestohlene Affiliate-Provisionen berichtet. Jetzt hat sich YouTuber Austin Evans in einem neuen Video noch einmal ausführlich mit dem Thema beschäftigt – und zeigt dabei nicht nur, wie sich die Geschichte seit dem ursprünglichen Skandal weiterentwickelt hat, sondern auch, was sie über den grundlegenden Wandel des YouTube-Geschäftsmodells verrät. Der folgende Beitrag fasst die wichtigsten Punkte aus seinem Video zusammen.

Was war noch mal das Problem mit Honey?

Honey warb damit, beim Online-Shopping automatisch Rabattcodes zu finden und einzusetzen. Das eigentliche Geschäftsmodell steckte aber tiefer im System: Wenn ein Creator in seiner Videobeschreibung einen Affiliate-Link setzt (z. B. zu Amazon), bekommt er eine kleine Provision, wenn darüber ein Kauf zustande kommt. Honey soll sich dabei kurz vor dem Kaufabschluss in diese Verbindung eingeklinkt und den Affiliate-Code des Creators durch den eigenen ersetzt haben – auch dann, wenn die Extension gar keinen funktionierenden Gutscheincode gefunden hatte. Das aufsehenerregende MegaLag-Video, das diese Praxis öffentlich machte, erreichte rund 19 Millionen Aufrufe.

Austin Evans räumt in seinem Video offen ein, dass er selbst 2021 mit Honey zusammengearbeitet hat – für ihn "ein peinlicher Fehltritt", der ihn seitdem potenzielle Sponsoren deutlich genauer prüfen lässt.

Der Fall ist noch lange nicht abgeschlossen

Laut Evans hat sich seit dem Skandal wenig zum Besseren gewendet:

  • PayPal, das Honey für rund 4 Milliarden US-Dollar übernommen hatte, hat sich seit Bekanntwerden der Vorwürfe größtenteils in Schweigen gehüllt.
  • Mehrere bekannte Creator, darunter Wendover Productions und LegalEagle, haben eine Sammelklage vor einem US-Bundesgericht eingereicht.
  • Diese Klage wurde jedoch zunächst abgewiesen und kommt laut Evans erst nach 18 Monaten überhaupt wieder in Gang – von einer schnellen Aufarbeitung also keine Spur.

Nicht nur Honey: Die ganze Branche steht unter Druck

Das Problem betrifft laut Evans nicht nur Honey allein:

  • Capital One Shopping, die Coupon-Extension der US-Bank Capital One, wurde mit denselben Vorwürfen konfrontiert und einigte sich im Dezember 2025 außergerichtlich – für gerade einmal 4 Millionen US-Dollar, ohne ein Fehlverhalten einzugestehen.
  • Microsoft hat die Coupon-Funktion in seinem Edge-Browser komplett gestrichen.
  • Google hat die Regeln für Chrome-Extensions verschärft: Das Abgreifen von Affiliate-Links ist jetzt verboten, es sei denn, die Extension bietet dem Nutzer einen "direkten und transparenten Vorteil". Praktisch bedeutet das: Wer Provisionen kassieren will, muss dem Nutzer vorher wirklich helfen.

Der eigentliche Punkt: Affiliate-Einnahmen sind ohnehin am Schwinden

Der interessanteste Teil des Videos ist aber nicht die juristische Aufarbeitung, sondern vor allem die Datenreihe, die Evans zu seinen eigenen Amazon-Affiliate-Einnahmen der letzten zehn Jahre zeigt. Sie sind fast vollständig eingebrochen – und diese Entwicklung erklärt laut ihm einen guten Teil davon, warum YouTube im Jahr 2026 gefühlt nur noch aus Sponsoring-Segmenten besteht.

Die Geschichte in Kürze:

  • 2011 wurde Evans mit rund 20.000 Abonnenten ins Amazon-Partnerprogramm aufgenommen. Affiliate-Links waren damals ein faires Modell: kein Aufpreis für den Zuschauer, kleine Provision für den Creator, keine versteckten Absprachen mit Marken.
  • Im Juni 2013 erhielt er eine E-Mail von Amazon, die ihm einen angeblichen Regelverstoß vorwarf (Nutzung des offiziellen Amazon-Linkverkürzers amzn.to). Seine Antwort ging an eine tote Adresse zurück, ohne Chance auf Klärung. 12 Tage später wurde sein Account gesperrt – über Nacht verlor er 60 bis 70 % seines Einkommens, ohne Widerspruchsmöglichkeit und ohne Auszahlung der bereits verdienten Gebühren.
  • Es dauerte fast drei Jahre, bis er 2016 wieder ins Programm aufgenommen wurde. Im Februar 2017 erreichte er mit 13.492 US-Dollar seinen bis heute besten Monat – rein aus Affiliate-Links.
  • Genau in dieser Zeit kürzte Amazon im März 2017 die Provisionsstruktur drastisch, und Extensions wie Honey begannen ihren Aufstieg. Seitdem geht die Kurve fast nur noch in eine Richtung: Halbierung bis 2019, erneute Halbierung 2020. Im letzten Monat zahlte Amazon ihm gerade noch 102,51 US-Dollar.

Auch große Kanäle trifft es

Nicht nur Evans ist betroffen: Linus Tech Tips stellte ihm eigene Zahlen zur Verfügung, die zeigen, dass die Amazon-Affiliate-Einnahmen seit 2020 um 70 % gesunken sind – trotz gewachsenem Publikum und unverändertem Linkverhalten. Linus erklärt das damit, dass Amazon sich von einer Shopping-Plattform zu einer Werbeplattform gewandelt hat: Suchergebnisse werden zunehmend von Anzeigenkäufen statt von Produktqualität bestimmt, was weniger Spielraum für Affiliate-Provisionen lässt.

Auch kleinere, jüngere Kanäle spüren den Wandel. Betty von "Switch and Click", die erst 2020 startete, berichtet, dass Affiliate-Einnahmen bei ihr stark schwanken – zwischen 5 % und 50 % des Monatsumsatzes – aber genau deshalb wichtig sind, um nicht komplett auf klassische, vollgesponserte Inhalte angewiesen zu sein. Und dieser Trend beschränkt sich längst nicht nur auf YouTube: Auch klassische Blogs, die seit jeher stark auf Amazon- und andere Affiliate-Links setzen, berichten seit Jahren von sinkenden Provisionen und schrumpfenden Vergütungssätzen – die Ursachen sind hierbei dieselben, die Evans für YouTube beschreibt. Wir können das aus eigener Erfahrung ebenfalls nur bestätigen: Auch wir spüren hier im Blog die negativen Entwicklungen bei den Affiliate-Einnahmen ganz konkret – Klicks, die früher zuverlässig ein paar Euro Provision brachten, bringen heute oft nur noch einen Bruchteil davon, wenn überhaupt.

Fazit: Sponsoring als Ersatz für ein kaputtes System

Evans Schlussfolgerung: Honey hat das Affiliate-System nicht allein zerstört, aber es ist Teil eines größeren Trends, bei dem jede Partei zwischen Creator und Publikum – Plattformen, Zwischenhändler, Extensions – einen immer größeren Anteil vom ohnehin kleiner werdenden Kuchen abschneidet. Da die einst "unsichtbaren" Affiliate-Links als verlässliche Einnahmequelle kaum noch tragen, füllen somit klassische Sponsoring-Deals die Lücke – mit allen Nachteilen für Creator (Abstimmung mit Marken, Skripte, Freigaben) und selbstverständlich auch für Zuschauer.

Für neue Creator, die 2026 starten, gibt es diese "einfachere Ära" der frühen 2010er-Jahre laut Evans schlicht nicht mehr. Wer heute erfolgreich auf YouTube bestehen will, kommt an Sponsoring kaum vorbei – Werbeeinblendungen im Video sind für viele inzwischen fast die einzige verbliebene Option.

Stefan Kröll

Über den Autor

Gründer von Xgadget.de und IT-Experte mit über 15 Jahren Erfahrung in den Bereichen macOS, Windows und Smart Home. Als leidenschaftlicher Tech-Enthusiast zudem auch spezialisiert auf Raspberry Pi Projekte und individuelle IT-Lösungen, um komplexe Technik für Anwender verständlich und nutzbar zu machen.

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