Honey-Skandal: PayPal verliert Netzwerke - Gericht lässt Klage zu

Wir haben hier im Blog bereits mehrfach über die Machenschaften von PayPals Coupon-Browsererweiterung "Honey" berichtet. Grundlage für dieses Update ist jetzt ein neues Video des YouTubers MegaLag, der mit seiner Recherche zum "Defeat Device" von Honey erst die ganze Lawine ins Rollen gebracht hat. In seinem neuesten Video zieht er Bilanz: Affiliate-Netzwerk-Kündigungen, CEOs die ihn öffentlich diskreditieren, gekaufte Fachpresse – sowie ein Bundesrichter, der PayPal nun eine schallende Ohrfeige erteilt hat.

Vom Cease-and-Desist zur offenen Schlacht

Im Dezember 2025 schickten PayPal's Anwälte MegaLag eine Unterlassungsaufforderung. Seine Recherche sei angeblich diffamierend, Honeys Geschäftspraktiken seien "legal und verantwortungsvoll", so der Vorwurf. Nur wenige Wochen nach der Veröffentlichung seiner Untersuchung reagierten jedoch gleich drei der größten Affiliate-Netzwerk-Partner von PayPal mit Sanktionen.

Am 12. Januar 2026 kündigte etwa Rakuten Advertising die Partnerschaft mit Honey vollständig auf und entfernte die Extension aus über 2.000 Online-Shops, darunter Walmart, Lego, Sephora, Newegg, Uniqlo und Samsung. PayPal reagierte Tage später mit einer Erklärung, man habe angeblich erst durch die Berichterstattung von dem betroffenen Code erfahren – exakt jener Berichterstattung, die man zuvor noch als Verleumdung bezeichnet hatte.

Kurz danach zog auch Impact nach und entfernte Honey aus seinem "Discovery Marketplace", während Awin, mit über 16.000 angebundenen Händlern Honeys größter Netzwerk-Partner, Zahlungen einfror und einen Sanierungsplan durchsetzte, der PayPal unter anderem zwingt, Netzwerken Einblick in den Quellcode zu geben.

Das "Defeat Device": Betrug mit eingebauter Tarnfunktion

Der Kern des Skandals bleibt das von MegaLag aufgedeckte System, das Nutzer klassifizierte: Erkannte Honey einen normalen Konsumenten, ignorierte die Extension die sogenannten Stand-down-Regeln und leitete Provisionen, die eigentlich Affiliates und Content-Creatorn zustanden, in die eigene Tasche. Erkannte das System jedoch jemanden aus der Branche (etwa einen Netzwerk-Prüfer), hielt sich Honey plötzlich brav an die Regeln um natürlich nicht aufzufliegen.

Besonders brisant: Die Regeln lagen nicht fest im Extensions-Code, sondern wurden zentral in der Cloud gespeichert. PayPal konnte also jederzeit nachjustieren, wie viele Nutzer betroffen waren, ohne die Chrome-Extension überhaupt zu aktualisieren. 2023 etwa wurde die Schwelle drastisch verschärft, sodass praktisch nur noch Nutzer mit mindestens 65.000 Cashback-Punkten von den Stand-down-Regeln betroffen waren – zuvor betraf es einen deutlich größeren Nutzerkreis. Wenn PayPal also nun behauptet, das Defeat Device betreffe "weniger als 0,1 % des Datenverkehrs", lässt sich laut MegaLag nicht sagen, auf welchen Regelstand sich diese Zahl überhaupt bezieht.

Die Zahlen hinter dem Kollaps

Die öffentliche Empörung hat messbare Spuren hinterlassen. Auf Basis von Datenauswertungen, die MegaLag in seinem Video zeigt, ergibt sich folgendes Bild:

Kennzahl Dezember 2024 Aktuell
Nutzerzahl minus 7 Millionen Nutzer
Partnerhändler ca. 35.000 ca. 28.000
Gespeicherte Coupons ca. 90.000 ca. 50.000
Davon nutzergenerierte Codes ca. 29.000 ca. 3.000

Besonders schwer wiegt der Verlust von Apple als Partner, das laut MegaLag allein mehr Shopping-Traffic generierte als Honeys unterste 27.000 Partnerhändler zusammen.

Positiv: Der Rückgang bei nutzergenerierten Codes zeigt, dass Netzwerke offenbar endlich gegen das heimliche Absaugen privater Rabattcodes (Mitarbeiter-, Familien- und Veteranenrabatte) vorgehen.

Negativ: Von den verbliebenen 50.000 Coupons sind laut MegaLags eigenen Tests weiterhin mindestens 10.000 abgelaufen – PayPal wendet sie trotzdem an der Kasse an und kassiert weiter Provision. Als Google 2025 per Chrome-Store-Richtlinie verlangte, dass Extensions wie Honey nur noch bei echtem Nutzen Provisionen erhalten dürfen, wich Honey einfach auf Cashback aus – allerdings meist nur in Höhe von 0,1 bis 1 Prozent.

Die Sammelklage nimmt Fahrt auf

Parallel zu den Netzwerk-Kündigungen läuft vor Bundesrichterin Beth Freeman im Nordbezirk Kaliforniens die große Sammelklage von Content-Creatorn gegen PayPal. Im November 2025 hatte PayPal einen Antrag auf Abweisung der Klage gestellt; die Richterin ließ zwar zunächst alle Punkte vorläufig fallen, gewährte den Klägeranwälten aber das Rechtbeine überarbeitete Klage nachzureichen.

Genau diese überarbeitete Klage enthält nun erstmals formell die Beweise zum Defeat Device, die MegaLag öffentlich gemacht hatte – inklusive der vier Kriterien, nach denen Honey entschied, ob es die Regeln bricht: Kontoalter, gesammelte Cashback-Punkte, Zugehörigkeit zu einer "Blacklist"-Website und der verräterischste Punkt, ob jemand zuvor die Website eines Affiliate-Netzwerks besucht hatte.

Am 4. Juni 2026 fand die zweite Anhörung zum Abweisungsantrag statt, und die Stimmung im Gerichtssaal war eine völlig andere: Richterin Freeman ließ PayPals Cheflauwalt Richard Jacobson - genau jenem, der MegaLag die Unterlassungsaufforderung geschickt hatte - wenig Raum, argumentierte gegen PayPals Position, dass Affiliate-IDs keinen "intrinsischen Wert" hätten, und verglich sie mit einem Dollarschein. Am 22. Juni 2026 entschied sie schließlich: Sämtliche Klagepunkte bleiben bestehen – eine deutliche Niederlage für PayPal, die nun in die Beweisaufnahme (Discovery) mit internen Dokumenten und möglichen Zeugenaussagen unter Eid übergeht.

Fragwürdige Fachpresse und ein bekanntes Muster

MegaLag deckt in seinem Video zudem auf, dass mehrere Kritiker seiner Recherche finanzielle Verbindungen zu Honey oder PayPal hatten – etwa der Awin-CEO Adam Ross oder das Branchenmedium Hello Partner, das kritische Artikel gegen ihn veröffentlichte, ohne ihm ein Recht auf Gegendarstellung einzuräumen, gleichzeitig aber Honey als Hauptsponsor seiner Leitkonferenz führte.

Interessant ist auch die Parallele zu einem aktuellen Fall: Im Juli 2026 deckte Bloomberg auf, dass Phia, die Shopping-App von Phoebe Gates und Sophia Kianni, ganz ähnliche "Cookie-Stuffing"-Praktiken einsetzte – die App öffnete unbemerkt einen zweiten Browser-Tab, um fremde Affiliate-Links durch den eigenen zu ersetzen und so Provisionen für nicht selbst generierte Verkäufe zu kassieren.

Fazit

Für PayPal ist die Lage also nun deutlich ungemütlicher geworden, seit MegaLags Recherchen ins Rollen kamen: Verlorene Affiliate-Netzwerkpartner, Millionen an entgangenen Provisionen und eine Sammelklage, die jetzt vollständig in die Beweisaufnahme geht dürften auch dem Konzern wehtun. Gleichzeitig zeigt der Fall, wie zäh die betroffene Branche selbst auf offengelegtes Fehlverhalten reagiert - Rakuten etwa hat Honey inzwischen wieder ins Netzwerk aufgenommen. Wir bleiben an dem Thema dran und werden weiter berichten, sobald es neue Entwicklungen im Prozess gibt.

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Stefan Kröll

Über den Autor

Gründer von Xgadget.de und IT-Experte mit über 15 Jahren Erfahrung in den Bereichen macOS, Windows und Smart Home. Als leidenschaftlicher Tech-Enthusiast zudem auch spezialisiert auf Raspberry Pi Projekte und individuelle IT-Lösungen, um komplexe Technik für Anwender verständlich und nutzbar zu machen.

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